Sophia und die Super Sieben

 

Sophia und die Super Sieben
Kein Kinderbuch
von Thomas Greuel

 

bald im Handel erhältlich

Lesen Sie hier schon das erste Kapitel:

 

1.   Auf Patrouille

Sie standen auf dem Berg und schauten auf die Stadt hinunter. Das Leben tummelte sich dort wuselig. Entfernte Geräusche wurden zu ihnen hinübergeweht, die alle kleine Geschichtchen versprachen. Da war das Hupen der Autos. Da waren Bauarbeiter, die mit ihren Presslufthämmern Krach machten. In der Ferne bewegte sich ein Baukran. Es war ein lebendiger Anblick, und die Autos und Fußgänger in den Straßen bewegten sich fast wie Blutkörperchen durch die Adern eines faszinierenden, riesigen Wesens. Es war ein schönes Bild voller Leben.

Aber Sophia ließ sich davon nicht ablenken. Sie suchte in dem Gewirr nach dem Grünen Kobold, der irgendwo durch die Straßen streunen und Unheil anrichten musste. Er war ein kleiner Mann ohne Haare, aber mit hässlich gelbem Pferdegebiss. Er hatte außerdem einen riesigen Buckel und lief gekrümmt herum, so dass seine langen Arme über den Boden schleiften. Dabei grinste er hämisch. Er war eine richtig eklige Kreatur, quasi ein Monster, an dem nichts Gutes war. Ein Ungeheuer, das in jedem seiner fettigen, fiesen Haare bösartig war.

Der Grüne Kobold lief nicht mit lautem Getöse und Gedonner durch die Stadt, sondern verzapfte hinterhältig seine ganzen Gemeinheiten. Er würde keine Bomben auf die Eisenbahnbrücke werfen, sondern die stählernen Pfeiler mit Säure bestreichen, damit sie sich langsam auflösten. Er würde das Tau, an dem die Möbelpacker das Klavier aus dem fünften Stock hievten, anritzen. Wenn es dann riss und das Klavier drei Umzugshelfer unter sich begrub, wäre er schon längst weg, stünde an der Schnellstraße und blendete die Autofahrer mit einem Spiegel, so dass sie die Ampel nicht mehr sähen und ineinander rauschten. Der Grüne Kobold war einfach die widerwärtigste Kreatur, die man sich so vorstellen konnte. Feige, gemein und hinterhältig.

Man durfte den Grünen Kobold nicht da suchen, wo gerade ein Unglück stattfand, sondern da, wo demnächst etwas passieren würde. Aber das war natürlich schwierig, denn woher sollte man wissen, wo demnächst etwas passieren würde? Wenn der Baukran in der Ferne beispielsweise zusammenkrachte, weil die Bauarbeiter geglaubt hatten, der Kran könne fünfzehn Tonnen tragen, dann hatte der Kobold drei Tage zuvor die Eins vor den Hinweis »5 Tonnen Traglast« gepinselt. So einer war der Kobold.

Der riesige Troll ein paar Schritte hinter Sophia, der ihr eigentlich bei der Jagd behilflich sein sollte, drehte sich wie ein verrückter Hund im Kreis. Er versuchte, den Stummel seines Schwanzes zu fangen, bis er sich einen Drehwurm holte und schwer grunzend auf dem Boden landete.

Sophia sah ihn vorwurfsvoll an und schüttelte den Kopf. Doch der Troll glotzte nur feindselig mit funkelnden Augen zurück. Als er versuchte aufzustehen, taumelte er wegen seines Drehwurms, machte ein paar Schritte auf den Abgrund zu, verlor wieder das Gleichgewicht, stolperte und fiel erneut hin. Wie ein besoffener Matrose!

Er rollte den steilen Abhang hinunter, riss Büsche und Gräser mit sich und war bald in eine Staubwolke gehüllt, bis er schließlich einen kleinen Baum zu fassen bekam, den er fast aus der Erde riss. Aber der konnte seinen Fall schließlich stoppen.

Sophia war sauer. Der Troll sollte eigentlich ihr Verbündeter sein, ihr treuer Gehilfe. Aber er war meist eher eine Last, eine einzige Enttäuschung.

Dabei hatte sie so viel riskiert, ihn zu zähmen.

Sophia brüllte ihm wütend hinterher: »Du bist so ein verdammter Idiot! Du bist mir echt eine große Hilfe! Das ist nicht witzig, du Blödmann! Das ist kein Spiel!«

Aber der Troll starrte nur stumpf zu ihr hinauf, klopfte sich den Staub von seinem struppigen Fell und verzog dann seine Miene zu einem spöttischen Lächeln. Für ihn war es eben doch nur ein Spiel.

Sophia war sich nicht mehr so sicher, ob dieser Troll ihr wirklich helfen könnte. Sie hatte viel Hoffnung in ihn gesetzt, als sie ihn besiegt hatte. Sie hatte sich extra den störrischsten und eigensinnigsten ausgesucht, und dann hatte sie ihn besiegt. Sie wollte die beste Hilfe im Wettbewerb um die Super Sieben haben, die sie bekommen konnte.

Aber nicht nur war er ihr keine Hilfe, sie wusste auch nicht, wie groß ihre Macht über ihn wirklich war. Wenn er wollte, könnte er sie jederzeit in zwei Teile reißen. So stark war der Troll. Sophia traute ihm das mittlerweile zu.

Sie wusste, dass sie ihn nicht wirklich gebändigt hatte, dass er nicht auf ihrer Seite war und dass sie ihn nur so lange unter Kontrolle hatte, wie er nicht wirklich gegen sie aufbegehrte. Vielleicht hatte er bereits eine Ahnung, dass er es könnte, dass sie nur bluffte und nicht so stark war, wie sie vorgab. Irgendwann würde er es merken. Es war nur eine Frage der Zeit. Ihre Stärke war ohnehin so eine Sache. Sie kam und ging. Mal fühlte sie sich wie eine starke Kriegerin, dann wieder wie ein nasser Sack. Warum sollte er sich nicht mal in einem Moment der Schwäche gegen sie wenden? Trauen konnte sie ihm nicht, und doch brauchte sie einen starken Verbündeten. Unter den Menschen sah es da düster aus.

Jedenfalls war all ihr Ausschauhalten hinunter auf die Stadt vergeblich. Sie konnte den Kobold nirgends ausmachen. Seit Monaten schon verbrachte sie ihre Tage dort oben und betrachtete die Stadt auf der Suche nach ihm. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so einfach wäre. Dass es so schwer sein würde, damit hatte sie allerdings auch nicht gerechnet.

Sophia sah dem Troll zu, wie er schwerfällig den Abhang hochkroch, immer wieder den Halt verlor und ungelenk wieder ein Stück hinunterrutschte.

Es sah schon komisch aus. Er war nicht gerade sehr geschickt im Klettern.

Sie musste über seine Tollpatschigkeit dann doch lachen und rief ihm zu:

»Wenn du dich sehen könntest!«

Der Troll grunzte und sah sie mürrisch an.

»Du bist wirklich eine Nummer!«

Sie krümmte sich vor Lachen. Es war wirklich zu komisch!

Der Troll hob seine Tatze, bog seine Klauen, dass der mittlere Finger allein nach oben ragte und fletschte die Zähne.

Manieren hatte er keine.

Er war eben ein typischer Troll.

Aber Sophia lachte, bis ihr der Atem ausging und ihr ganz schwindlig wurde.

Schließlich schaffte es der Troll hinaufzukraxeln.

Sophia half ihm die letzten Schritte, klopfte ihm den Dreck aus dem Fell und rupfte eine dornige Brombeer-Ranke mit einem Ruck aus seiner Mähne, dass der Troll erschrocken grunzte. Mit seiner Pranke schlug er um sich, dass Sophia sich gerade noch ducken konnte und den massigen Arm an ihrem Ohr entlang pfeifen hörte. Hätte der Troll sie getroffen, sie wäre bis hinunter in die Stadt geflogen und hätte sich alle Knochen gebrochen.

Mit dem Troll hatte Sophia sich einen gefährlichen Kumpan gebändigt!

Manchmal wünschte das Mädchen sich, sie hätte einen etwas feinfühligeren und weniger grobschlächtigen Kumpel gefunden. Aber nun war es zu spät, und eigentlich war sie dann doch ganz zufrieden. Immerhin war er bei all seinem Ungehorsam drollig und witzig. Sie hatten Spaß miteinander, trotz all seiner offensichtlichen Schwächen.

Wenn sie den Grünen Kobold fing, dann wollte sie den stärksten und brutalsten Troll bei sich haben, den sie finden konnte. Der würde dem Fiesling jeden Arm und jedes Bein einzeln ausreißen. Er würde ihm das Gelbe aus den Zähnen prügeln. Der Grüne Kobold konnte sich auf was gefasst machen!

Die Sonne ging langsam unter. Es war Zeit zu gehen. Eigentlich war es schon zu spät. Zuhause würde Sophia sich wieder eine Standpauke anhören müssen. Ihre Mutter war ziemlich launisch in letzter Zeit, konnte manchmal ganz in Ordnung sein, dann aber auch wieder grundlos ausflippen. Man konnte es nie so genau wissen.

Sophia drehte sich zu ihrem Troll um und meinte: »Los, wir gehen!«

Der Troll sah sie stumm an, dann hielt er ihr die Pranke hin und Sophia kletterte auf seine Schultern. Sie war froh, dass er sie trug, denn der Tag war anstrengend gewesen.

Mit schweren Schritten stapfte er den Pfad hinunter. Sophia hielt sich an seinen Ohren fest. Sie waren ganz schmierig und gelb. Sie seufzte. An diesem Abend würde sie ihm wieder das Schmalz herauskratzen müssen.

Hätte sie vorher gewusst, wie viel Arbeit so ein Troll macht, wie dreckig die waren, sie hätte sich vielleicht ein Einhorn zugelegt. Aber andererseits waren Einhörner ihr total unsympathisch. Sie waren so edel und etepetete, meinten immer, sie wären was Besseres, weil sie unsterblich waren und schick aussahen.

Eigentlich passte so ein wilder Troll ganz gut zu Sophia. Trolle waren unsensibel und klobig, benahmen sich daneben und kamen mit anderen nicht so gut zurecht. Das passte irgendwie. Sophia hatte auch ihren eigenen Kopf, war mal zickig und manchmal tollpatschig. Müsste sie nicht fürchten, dass der Troll ihr irgendwann mal den Kopf abreißen würde, sie wären ein richtig gutes Team.

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